Concierto Der Ton im Wörtersee
Anne Bärenz (piano) - Robert Gernhardt (palabra) y Frank Wolff
(violoncello)
Folgen der Trunksucht
Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.
Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.
Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.
Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht Ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.
Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort "Reim" mehr eim.
Plädoyer
Daß er die Kindlein zu sich rief,
daß er auf Wassers Wellen lief,
daß er den Teufel von sich stieß,
daß er die Sünder zu sich ließ,
daß er den Weg zum Heil beschrieb,
daß er als Heiland menschlich blieb -
ich heiße Hase, wenn da nicht
doch sehr für den Herrn Jesus spricht.
Weils so schön war
Paulus schrieb an die Apatschen:
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.
Paulus schrieb an die Komantschen:
Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.
Paulus schrieb den Irokesen:
Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen.
Die allzufröhlichen Mönche
Die Riesentanne Theodor
stund justament vorm Klostertor.
"Auf", sprach der Abt zu seinen Mannen,
"sie stört, wir tragen sie von dannen!"
"Das machen wir", erscholl's im Chor,
doch wer nicht wich, war Theodor.
Trotz allem Rickeln, Ruckeln, Rackeln
kam Theo nicht einmal ins Wackeln.
"Genug", sprach Bruder Jobst verlegen,
"auf unserm Vorsatz liegt kein Segen."
"Genau", sprach auch der Abt gequält,
"Es soll nicht sein, die Sägen fehlt."
Die Brüder schwiegen erst genant,
dann nahm ein Kichern überhand.
Ein Kichern, das sie nicht verließ,
obwohl der Abt sie schweigen hieß.
Sie kicherten in einer Tour,
bis auch der Papst davon erfuhr.
"Was hör ich da?" sprach der erbost,
"Die Brüder sind wohl nicht bei Trost!
Das ist ja grad, als ob die Herren
statt Zister Kicherzienser wären!"
Als unsre Mönche dieses hörten,
da kicherten sich nicht, sie röhrten.
Sie röhrten derart laut und lang,
daß es selbst Gott zu Ohren drang.
"Mein Gott", rief der, "der Lärm empört mich,
das Rühren röhrt mich nicht, es stört mich!"
Kaum, daß er sich derart versprach,
als schon ein Riesenkrach losbrach.
Er stammte von der Brüder Schar,
die nun nicht mehr zu halten war.
Wildwiehernd zog die ganze Bande,
Ein Bild des Schreckens, durch die Lande.
Und brüllte wohl noch heut' herum,
wär sie nicht längst schon tot und stumm,
stumm, wie der Riese Theodor,
die Tonne vor dem Klostertor.
Äh - Tante. Tunte. Tinte. Titte -
doch was soll das Gelächter bitte?
Weh mir, welch greller Höllenchor
steigt aus der Erde Schoß hervor?
Mein Gott - es sind die braunen Brüder
und - Hummel hilf! - sie röhren wieder!
Die kaiserliche Botschaft
Ein Nonzenzgedicht
So hört mich an, o meine Knappen:
Ab jetzt sind alle Schimmel Rappen.
Und alle Rappen heißen Bären,
womit wir schon beim Thema wären.
Denn Bären ist ab heut verboten
bei Tag zu mähen und zu schroten,
sowie das Schroten und das Mähen
bei Nacht, weil sie dann eh nichts sehen.
Befehl ist auch, daß sie ab nun
nicht das, was ich befehle tun,
denn die Befehle gelten nur
von kurz vor zwölf bis tausend Uhr
und sollen zu nichts weiter führen,
als an den Schlaf der Welt zu rühren.
Doch sollte dieser Plan nicht klappen,
sind alle Bären wieder Rappen
und alle Rappen wieder Schimmel,
das gilt auf Erden wie im Himmel,
im Jenseits und in dieser Welt
und ganz speziell für Bielefeld.
So. Stellt das Radio etwas leiser,
ich will jetzt schlafen
Euer Kaiser
usw. usf.
Viele Sommersprossen sind
auf dem Kinde, doch das Kind
sieht sie nicht. Es sieht stattdessen
einen Amtmann Suppe essen.
Dieser wiederum beschaut
grad ein Foto seiner Braut,
die auf einen Seemann blickt,
der sich nach dem Anker bückt,
da der Anker was verdeckt,
das in einer Tüte steckt
und sich, falls der Maat nicht irrt,
gleich das Bild entpuppen wird.
In der Tat - es ist ein Bild,
es zeigt ein Reklameschild
worauf sich zwei Frauen räkeln,
die an einem Lappen häkeln,
der zum Teil ein Kind verbirgt,
das recht ungewöhnlich wirkt:
Viele Sommersprossen sind
auf dem Kinde, doch das Kind…
Trost im Gedicht
Denk dir ein Trüffelschwein,
denks wieder weg:
Wird es auch noch so klein,
wird nie verschwunden sein,
bleibt doch als Fleck
Was je ein Mensch gedacht,
läßt eine Spur.
Wirkt als verborgne Macht,
und erst die letzte Nacht
löscht die Kontur.
Hat auch der Schein sein Sein
und seinen Sinn.
Mußt ihm nur Sein verleihn:
Denk dir kein Trüffelschwein,
denks wieder hin.
Was ist Elektrizität?
Dorlamm, um ein Referat gebeten,
hält es gern, um dies hier zu vertreten:
"Wenn das Ohm sie nicht mehr alle hat,
heißt es nicht mehr Ohm, dann heißt es Watt.
Jedoch nur, wenn's gradeliegt, liegt's quer,
heißt es nicht mehr Watt, dann heißt's Ampere.
Heißt Ampere, ja, wenn es liegt, nicht rollt,
rollt es nämlich, nennen wir es Volt.
Rollt ein Volt nicht mehr und legt sich quer,
heißt es wieder - wie gehabt - Ampere.
Heißt Ampere, wenn sperrig liegt, liegt's glatt
wird es - na wozu wohl schon? - zum Watt.
Wird zum Watt, zur Maßeinheit für Strom,
wenn's nicht alle hat. Sonst heißt es Ohm."
Dorlamm endet, um sich zu verneigen,
doch er neigt sich vor betretnem Schweigen.
"Glaubt es nicht", ruft Dorlamm, "oder glaubt es -
mir egal!" Und geht erhobnen Hauptes.
Dorlamm meint
Dichter Dorlamm läßt nur äußerst selten
andre Meinungen als seine gelten.
Meinung, sagt er, kommt nun mal von mein,
deine Meinung kann nicht meine sein.
Meine Meinung - ja, das läßt sich hören!
Deine Deinung könnte da nur stören.
Und ihr andern schweigt! Du meine Güte!
Eure Eurung steckt euch an die Hüte!
Laßt uns schweigen, Freunde! Senkt das Banner!
Dorlamm irrt. Doch formulieren kann er.
PhilosophieGeschichte
Die Innen und die Außenwelt,
die warn mal ein Einheit.
Das sah ein Philosoph, der drang
erregt auf Klar und Reinheit.
Die Innenwelt,
dadurch erschreckt,
versteckte sich in dem Subjekt.
Als dies die Außenwelt entdeckte,
verkroch sie sich in dem Objekte.
Der Philosoph sah dies erfreut:
indem er diesen Zwiespalt schuf,
erwarb er sich für alle Zeit
den Daseinszweck und den Beruf.
Die Sache will's
Ach was, es geht mir nicht um mich,
im Vordergrund steht nicht mein Ich,
es geht mir um die Sache.
Die Sache ist: ich fühl mich krank,
ich brauche einen Besenschrank
und 99 Besen.
Sowie 200 Liter Klops
und 70 Kilometer Drops,
doch bitte handverlesen.
Auch hätt ich gern die Kaiserkrone,
mit der will ich mich Unten ohne
am Weihnachtstag dem Volke zeigen,
dazu soll'n 100 000 Geigen
das Lied vom treuen Piephahn spielen,
und alle soll'n gen Himmel schielen,
auf dem ganz groß geschrieben steht,
daß es mir wieder besser geht;
vorausgesetzt, ich krieg das Zeug.
Aus diesem Grunde bitt' ich euch,
euch ordentlich ins Zeug zu legen.
Nicht wegen mir. Der Sache wegen.
Die Nacht, das Glück, der Tod
VERLASSEN STIEG
Verlassen stieg die Nacht an Land,
der Tag war ihr davongerannt.
Durchs Dunkel tönte ihr Geschrei,
wo den der liebe Tag wohl sei.
Indessen saß der Tag bei mir,
bei weißem Brot und hellem Bier
hat er die Suchende verlacht:
Die säh doch nichts, es sei ja Nacht.
UND ENDLICH TRAT
Und endlich trat das Glück herein,
sehr still, auf sieben Zehen.
Im frühen Morgensonnenschein
konnt ich es humpeln sehen.
"Was ist mit deinen Zehen, sprich!"
"Darüber spräch ich lieber nicht.
Drei hat mir eine Tram gekappt -"
"Kann man nichts machen. Pech gehabt."
DENKT EUCH
Denkt euch, ich hab den Tod gesehn,
es ging ihm gar nicht gut.
Seine Hände wirkten so seltsam bleich,
so gar nicht wie Fleisch und Blut.
Und auf dem dürren Hals saß gar
ein Kopf, der ganz aus Knochen war.
Aus Knochen, ganz aus Knochen, denkt!
Da hab ich ihm fünf Mark geschenkt.
Materialien zu einer Kritik der bekanntesten
Gedichtform italienischen Ursprungs
Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgenwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut
hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut
darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.
Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.
Begegnung mit einem Geist
Ich bin der Geist, der stets verneint…
Auch dann, wenn doch die Mutter weint?
Ja!
Ja?
O mein Gott ich meinte: Nein!
Das darf doch wohl nicht möglich sein…
Der Geist, der stets verneint - zum Schrein!
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